Mit Russland reden – gerade jetzt

Wirtschaftssanktionen, Importbeschränkungen, Einreiseverbote, schwarze Listen – mit den politischen Beziehungen zwischen Russland und der EU steht es derzeit wahrlich nicht zum Besten. „Gerade jetzt müssen wir den wirtschaftlichen Dialog aufrechterhalten, und dafür wollen wir eine Plattform bieten“, sagte Akademiedirektor Ralf Othmer bei der Eröffnung des Deutsch-russischen Expertendialogs, zu dem die Deutsche Management Akademie Niedersachsen am 23. Juni 2015 ins Schloss Celle eingeladen hatte.

Rund 130 Vertreter deutscher und russischer Unternehmen nutzten die Gelegenheit zum Informations- und Erfahrungsaustausch. Die russischen Teilnehmer hatten sich am Vortag bereits über das aktuelle Thema Industrie 4.0 informiert und die Robotation Academy in Hannover besucht.

In den vergangenen siebzig Jahren hat es eine intensive wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Russland und Deutschland gegeben – zunächst mit beiden deutschen Staaten, dann mit der wiedervereinigten Bundesrepublik. „Über diese lange Zeit wurde viel Vertrauen aufgebaut, das selbst im Kalten Krieg vorhanden war, heute aber leider erschüttert ist“, so Ute Kochlowski-Kadjaia, Geschäftsführerin des Osteuropavereins der deutschen Wirtschaft, die den Expertendialog souverän und fachkundig moderierte.

Zur Einstimmung auf das Thema wurden vier hochkarätige Experten gebeten, die aktuelle Situation der deutsch-russischen Beziehungen zu bewerten. Hier ihre wichtigsten Thesen:

„Die Sanktionen werden bestehen bleiben, bis die Situation in der Ukraine geregelt ist“, so die Überzeugung von Prof. Dr. Alexander Demidov, Generaldirektor des Marktforschungs­instituts GfK RUS und Lehrstuhlinhaber an der Higher School of Economics in Moskau. „2014 haben immer noch über 50% der internationalen Firmen ihre Umsätze in Russland erhöht, und die deutschen Unternehmen sind aus Russland sowieso nicht mehr wegzudenken. Die Krise findet vor allem in den Köpfen statt. Ein guter erster Schritt wäre es deshalb, die Propaganda und die Hetze zu beenden, die wir derzeit in beiden Ländern erleben.“

Prof. Dr. Ruslan Grinberg, Direktor des Instituts für Wirtschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften, ist davon überzeugt, dass „die Abneigung gegen den Westen zunimmt und das Erbe der Perestroika nach und nach zugrunde geht.“ Der prominente russische Wirtschaftswissenschaftler mit internationalem Renommee, der als gefragter Berater verschiedenen Expertenkommissionen angehört, sprach von einem „kalten Frieden“, in dem das Vertrauen zwischen Deutschland und Russland erheblich gelitten habe.

Dr. Frank Schauff, Geschäftsführer der Association of European Businesses in Russia, rät zu einer differenzierteren Betrachtung: „Auf politischer Ebene ist das Vertrauen weg. In der Wirtschaft gibt es aber nach wie vor eine enge Kooperation, und das Vertrauen ist auch noch vorhanden. Übrigens haben in einer Umfrage, die wir kürzlich durchgeführt haben, nur 20% unserer Mitglieder die Sanktionen als Hauptproblem genannt. 80% sehen den Verfall des Rubels als die größere Herausforderung.“

Prof. Dr. Andreas Steininger, Vorstandsmitglied des Ostinstituts Wismar und Professor für Wirtschaftsrecht an der Hochschule Wismar: „In Deutschland gibt es einen eklatanten Vertrauensverlust im Bereich der Politik. Die Wirtschaft hingegen will weiterhin mit ihren russischen Geschäftspartnern kooperieren. Sie müsste jedoch eine stärkere Stimme gegenüber der Politik haben.“

Im zweiten Teil der Veranstaltung informierten Fachleute beider Länder über die Rahmenbedingungen der wirtschaftlichen Kooperation.

Roman Lyadov vom Russischen Ministerium für Industrie und Handel erläuterte, dass Russland die Abhängigkeit seiner Wirtschaft von Importen deutlich reduzieren will. Für 18 Branchen wurden deshalb Importersatzpläne entwickelt. Die Regierung fördert diese Pläne u.a. durch günstige Kredite, Steuererleichterungen, Sonderinvestitionsverträge und wirtschaftliche Sonderzonen für die Ansiedlung von ausländischen Investoren. Vera Popova, die Vertreterin der Region Uljanovsk, zeigte auf, dass namhafte deutsche Unternehmen bereits vor Ort investiert haben, unter ihnen Metro, Fresenius und Schaeffler. Ein wichtiges Kriterium sei dabei die Tatsache, dass in der Region gut ausgebildete, billige Fachkräfte vorhanden sind.

Dass auch die deutsche Regierung mit konkreten Maßnahmen die Wirtschaftsbeziehungen zu Russland unterstützt, erläuterte Jochen Roensch von PricewaterhouseCoopers. Exportkredit- und Investitionsgarantien sind bewährte Instrumente der Außenwirtschaftsförderung. Sie haben das Ziel, Exporte zu fördern, die Finanzierung deutscher Direktinvestitionen im Ausland zu unterstützen und die Investitionen gegen politische Risiken abzusichern. Russland ist traditionell ein Top-Land für diese Fördermaßnahmen. Aktuell sei aber eine Abkühlung zu verzeichnen, so Roensch, da viele Investitionen wegen der Lage in Russland zurückgestellt würden – und sich Russland stärker nach innen (Stichwort: Importsubstituierung) oder in Richtung BRICS-Staaten orientiere.

Über Russlands Exportförderung sprach Nikolaj Shapilov von der Agentur für strategische Initiativen. Der russische Export sei traditionell auf die Ausfuhr von Rohstoffen und halbfertigen Erzeugnissen ausgerichtet. Mit der „Export-Roadmap“ solle deshalb der Export von hochveredelten Produkten und Fertigerzeugnissen gefördert werden. Zu den Förderinstrumenten gehörten u.a. die Vereinfachung der Zollabfertigung, die Exportfinanzierung durch Kredite und Fördermittel, Unterstützung bei der Zertifizierung und Patentierung für ausländische Märkte sowie der Ausbau der Infrastruktur mit Handelsvertretungen in GUS-Staaten und Exportförderzentren. „Die Gesamtheit dieser Faktoren schafft günstige Bedingungen für die Herstellung wettbewerbsfähiger Produkte durch einheimische und ausländische Firmen und ihren Absatz auf den Märkten von Drittländern“, so das Fazit von Nikolaj Shapilov.

Über die Ansiedlung von russischen Unternehmen in Deutschland informierte Siegfried Averhage, Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit des Landkreises Osnabrück. Unternehmen, die sich im Landkreis ansiedeln wollen, bietet der Geschäftsbereich viele „Kümmerer-Leistungen“ aus einer Hand: Aufbereitung von Informationen, Koordination der notwendigen Schritte, Schnittstelle zu Ämtern und Behörden, Unterstützung bei der Suche nach Immobilien und Personal, Fördermittel-Beratung und vieles mehr. So will der Landkreis gezielt daran mitwirken, dass Deutschland für ausländische Investoren keine „Black Box“ ist.

Personal – das war nach Exportförderung und Ansiedlung das nächste Thema, das der Deutsch-russische Expertendialog aus der Sicht beider Länder beleuchtete. Zunächst berichtete Olga Golyshenkova von der International Association of Corporate Education (MAKO) über den „Hunger nach Personal“ in Russland. Ein wichtiges arbeitsmarktpolitisches Ziel der Regierung sei die stärkere Orientierung der Ausbildung am Bedarf der Arbeitgeber. So sei es beispielsweise wichtig, verstärkt Ingenieure und Fachkräfte auszubilden, an denen derzeit Mangel herrsche. Eine weitere dringende Aufgabe sei die Entwicklung von neuen branchenbezogenen Berufsstandards. Sie sollen ab 2016 die bestehenden Definitionen ablösen, die teilweise noch aus der Zeit der Sowjetunion stammen. Das schwache Wirtschaftswachstum in Russland und die außenpolitischen Gegebenheit führten derzeit zu einer wirtschaftlichen Abkühlung und einem Anstieg der Arbeitslosenquote, so Golyshenkova zur allgemeinen Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Über den Fachkräftemangel in Deutschland referierte Friederike Husheer von der Demografieagentur für die niedersächsische Wirtschaft. Die demografische Entwicklung führe bekanntermaßen dazu, dass Deutschland „leerer, älter und bunter“ werde, und bereits heute könne eine erhebliche Zahl von offenen Stellen und Ausbildungsplätzen nicht mehr besetzt werden. Die Zahl qualifizierter Fachkräfte müsse also erhöht werden – und dazu könne auch die Zuwanderung gut ausgebildeter Menschen beitragen. Unternehmen sollten außerdem ungenutzte Potenziale durch Weiterbildung aktivieren und ihre Attraktivität als Arbeitgeber steigern. Husheers Empfehlung: „Nicht abwarten, machen!“

Im dritten Teil der Veranstaltung berichteten vier Unternehmensvertreter über ihre praktischen Erfahrungen mit der deutsch-russischen Wirtschaftskooperation:

Elena Semenova, Phoenix Contact RUS: „Wir sind seit 2002 auf dem russischen Markt tätig, der einen wichtigen Zielmarkt für den Konzern darstellt. In Russland ist der Markt ständig in Bewegung, sodass langfristige Planungen kaum möglich sind und alles ständig umgestellt werden muss. Wir haben sehr gute Erfahrungen mit unseren russischen Partnern gemacht. Auch ihre Zahlungsmoral ist tadellos, besser als in vielen anderen Ländern.“

Gerhard Pfeifer, Bosch-Gruppe Russland, GUS, Georgien: „Bosch ist seit 1904, also seit 111 Jahren, in Russland aktiv. Wir haben derzeit 5.000 Mitarbeitern in der Region, die neben Russland auch fast alle Länder der ehemaligen Sowjetunion und die Mongolei umfasst. 90 Prozent unseres Umsatzes in der Region (2013: 1,2 Milliarden Euro) erwirtschaften wir in Russland. Wir haben intensiv vor Ort investiert und produzieren zum Beispiel in Sankt Petersburg 500.000 Hausgeräte jährlich. Auf die aktuelle Situation schaue ich mit gemischten Gefühlen: Die nächsten ein bis zwei Jahre werden recht schwierig, aber mittel- und langfristig sehen wir weiterhin gute Wachstumsmöglichkeiten. Volatilität ist schon immer Teil der russischen Normalität gewesen, und wir glauben definitiv weiter an Russland.“

Julia Starukhina, Global Market Group / Deutsches Zentrum in Nischni Nowgorod: „Erfolge verzeichnet nur, wer sich proaktiv um Kontakte und Chancen bemüht. Wir freuen uns deshalb, dass wir deutschen Unternehmern das Programm ‚Fit für das Russlandgeschäft‘ anbieten können, zu dem die russische Regierung und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie einladen. Es bietet ihnen die Möglichkeit, Wirtschaftskontakte in Nischni Nowgorod und der Region Mari El zu knüpfen.“

Anatolij Sotnikov, Agentur für Innovationsentwicklung in der Region Kaluga: „Seit den 90er Jahren betreiben wir aktive Investitionsförderung. Dabei machen wir keinen Unterschied zwischen ausländischen und einheimischen Investoren. Wir haben die Abläufe so beschleunigt, dass die Umsetzung von Ansiedlungsprojekten in sechs bis neun Monaten erfolgen kann. Inzwischen haben wir mehr als 150 Projekte realisiert, und keines davon hat länger als 18 Monate gedauert. Neben Volkswagen fertigen heute 22 weitere deutsche Unternehmen in Kaluga. Unsere Erfolgsgeheimnisse: Eine zentrale Anlaufstelle für Investoren. Gut ausgebildetes Personal, das bereits in der Schule Deutsch und Englisch lernt. Die richtige Infrastruktur mit inzwischen 11 Gewerbeparks. Und, ganz wichtig: Unsere Investoren machen Reklame für uns!“

Als Fazit dieses Expertendialogs bleibt festzuhalten, dass es trotz aller Unterschiede zwischen Deutschland und Russland wichtige Gemeinsamkeiten gibt. Die Regierungen beider Länder fördern die Außenwirtschaft durch praktische Maßnahmen, die den Export ankurbeln und die Ansiedlung ausländischer Investoren unterstützen. Hier wie dort spielt die gezielte, bedarfsgerechte Qualifizierung eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des  Fachkräftemangels. Vor allem aber sind beide Seiten gleichermaßen daran interessiert, den Wirtschaftsdialog aufrechtzuerhalten und die Kooperation weiter auszubauen.

Akademiedirektor Ralf Othmer zeigte sich mit dem Verlauf der Veranstaltung sehr zufrieden: „Die Experten haben eine Menge Chancen aufgezeigt, die wir gemeinsam umsetzen können. Wir haben gesehen, dass die Deutschen als Investoren in Russland sehr erwünscht sind – und umgekehrt. Das lässt auf eine weiterhin produktive Zusammenarbeit in der Zukunft hoffen, und ich möchte zum Abschluss einen Satz wiederholen, der heute gefallen ist: Es gibt immer eine Zeit nach der Krise.“

Beim anschließenden Empfang in den Caroline-Mathilde-Räumen des Residenzmuseums im Schloss Celle setzten die Teilnehmer den Erfahrungsaustausch in angeregten persönlichen Gesprächen fort.

Alle Fotos © Anne Friesenborg

Deutsch-russischer Expertendialog

Dienstag, 23. Juni 2015
von 10:00 bis 17:00 Uhr
im Schloss Celle, Rittersaal

Anschließend Empfang und Imbiss
in den Caroline-Mathilde-Räumen
des Celler Residenzmuseums

Programm

Ihre Ansprechpartnerin:

Jasmin Levermann
Telefon: 05141.973-216
E-Mail:   jlevermann(at)dman.de

 

 

Am Rande der Veranstaltung berichtete Oleg N. Komissar von seinen Erfahrungen: „Ich arbeite für ein russisches Unternehmen der Luft- und Raumfahrttechnik, das Komponenten aus Verbund-materialien herstellt. Im Jahr 2000 war ich Chef der Entwicklungs-abteilung und sicher ein guter Ingenieur, aber ich hatte keinerlei Wirtschaftskenntnisse. Deshalb habe ich an einem DMAN-Training in Celle teilgenommen. Das war ein sehr hochwertiges Programm, bei dem ich nicht nur die Mechanismen der westeuropäischen Wirtschaft verstanden habe, sondern durch Unternehmensbesuche und ein dreimonatiges Praktikum auch viele Kontakte in Deutschland knüpfen konnte. Seit damals habe ich großen Respekt vor der deutschen Wirtschaft. Heute bin ich General-direktor meines Unternehmens und suche neue Absatzmärkte für unsere spezialisierten Produkte. Beim Deutsch-russischen Expertendialog möchte ich mich über den aktuellen Stand der Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern informieren.“

 

Prof. Dr. Ruslan Grinberg, Direktor des Instituts für Wirtschaft der Russischen Akademie der Wissenschaften, zur aktuellen Lage der deutsch-russischen Wirtschafts-beziehungen: „Die Situation ist schwierig. Wegen der Sanktionen und der Krise in Russland ist die außenwirtschaftliche Aktivität um ein Drittel zurückgegangen, und das ist eine Schande für unsere Länder. Deutsche und russische Unter-nehmen fühlen sich nicht wohl in dieser Situation, und sie erwarten eine politische Regelung in der Ukraine. Am wichtigsten ist es jetzt, den Dialog fortzusetzen, und dazu können Veranstaltungen wie diese einen Beitrag leisten. Es ist gut zu sehen, dass die deutschen und die russischen Teilnehmer überzeugt sind, dass sie die Entfremdung zusammen überwinden müssen – nach der sozialdemokratischen Linie „Wandel durch Handel“. Es bleibt zu hoffen, dass der gesunde Menschenverstand langfristig die Oberhand gewinnt."